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August – Lennart Olson.

Lennart Olson machte sich 1954 als freischaffender Fotograf selbstständig und gehörte innerhalb kurzer Zeit zu den bekanntesten Fotografen Schwedens. Er war Mitbegründer einer Gruppe schwedischer Fotografen, die sich 1958 unter dem Namen „Tio Fotografer“ (Zehn Fotografen) zusammenschlossen, veröffentlichte mehrere Bücher und hat seine Aufnahmen auf zahlreichen Ausstellungen in Schweden und im Ausland gezeigt, so im Museum of Modern Art in New York. In den 1960er Jahren war Lennart Olson einige Jahre als Filmemacher tätig und drehte mehr als 50 Dokumentarfilme für das schwedische Fernsehen.

Gemeinsam gingen wir zum Strand hinunter. Der Wolkenbruch war vorüber. Wie Schleier hingen schwere, dunkle Wolken dicht über dem Moor, doch draußen über dem Meer klarte es auf, und die Sonne brach hervor.


Lennart Olson kommt jeden Tag hierher. Stundenlang wandert er den schier endlosen Strand entlang. Hier gibt es keine Gebäude, nur vom Wind zerzauste Kiefern, geduckte Wacholderbüsche, Heidekraut und Krähenbeeren.
Von seinem Studiofenster aus kann Lennart über das Moor und die Nordsee blicken. Wir gehen zum Steninge-Strand hinunter, einem sagenumwobenen Flecken Erde. Die Kartoffelrose steht in voller Blüte, die Grasnelke beginnt schon zu verwelken. Hier und da wird die Reihe niedriger, dunkler, zerklüfteter Felsen von kleinen, hellsandigen Einschnitten durchbrochen. Der Strandabschnitt ist Teil eines Naturschutzgebietes, das weit nach Norden und Süden reicht. Ob die Austernfischer uns auslachen? Ein paar Pferde hinter einem Zaun richten ihre flehenden Augen auf uns.


 „Schau mal“, sagt Lennart und deutet auf ein Büschel bleiches, gelbliches Gras vom letzten Jahr, dessen lange Halme sich im Wind biegen. „Wie eine Brücke.“
Seine Brücken-Bilder haben Lennart weltberühmt gemacht. Brücken zogen ihn von jeher in ihren Bann. Vielleicht erklärt sich seine Faszination daher, dass er als Junge seinem Vater beim Tauchen zuschaute. Der sprang dazu von einer Eisenbahnbrücke in den Higg, der durch sein schwedisches Heimatdorf Fritsla fließt.


„Papa fuhr Taxi, aber sein Hobby war das Fotografieren. Einmal reichte er ein tolles Bild von mir beim Fotowettbewerb einer Wochenzeitschrift ein. Er landete auf Platz eins und ich auf der Titelseite. Papa hat sich so gefreut, dass er sein Taxi verkaufte und alles daran setzte, der Fotograf im Ort zu werden. Die Dunkelkammer wurde mein liebstes Refugium. Ich fotografierte mit einer Boxkamera und lernte schon mit sechs Jahren, wie man entwickelt und Abzüge macht.“
Mit sanftem Druck schob sein Vater ihn in die Welt hinaus. In Paris fotografierte Lennart in den 1950er Jahren schwedische Künstler. Dann kamen die Brücken, schwedische, italienische, schottische, die Brücken von Paris und, last but not least, die Brooklyn Bridge. Häufig arbeitete Lennart mit seiner Hasselblad SWC.
In den 1960er Jahren mussten seine statischen Fotos laufenden Bildern weichen. Das Ergebnis war eine Dokumentarfilmreihe für das Fernsehen, die Aufsehen erregte. Er drehte in Indien und Brasilien und machte einen Film über den Flamenco in Spanien, um nur einige Beispiele zu nennen.
Nach ein paar Jahren kehrte er zur Fotografie zurück. Er erkannte die Möglichkeiten, die die traditionellen Entwicklungsverfahren bargen, und lernte, Abzüge mit dem Gummi-Bichromat-Verfahren anzufertigen. Dann verwandelte er seine Brücken-Fotografien in Radierungen. Er entdeckte Neuland und das war befreiend für ihn.
In ähnlicher Weise spricht er heute über die Freiheit durch die Digitaltechnik. Auf seinen langen Strandspaziergängen erschließen sich ihm täglich neue Bilder – dank der neuen fotografischen Möglichkeiten, die ihm seine H1 und ein Imacon-Digitalrückteil bieten. Zurück in seinem Studio arbeitet er mit Photoshop weiter.
„Die Digitaltechnik gewährt mir eine bisher nicht gekannte Freiheit. Es ist, als ob ich völlig andere Bilder machen würde. Seltsam, aber wenn ich digital fotografiere, fühle ich die gleiche Art Befreiung wie damals, als ich meine ersten Papierabzüge in Händen hielt. Die Gefahr bei der neuen Technik ist, dass man, weil es so einfach geht, zu viele Bilder macht.“


Er blickt über die Nordsee und überlegt:
„Ich hatte nie das Ziel, der erste mit einer Aufnahme zu sein und die Welt mit etwas Neuem zu überraschen. Diese Form der Dokumentarfotografie liegt mir nicht. Nein, ich glaube, ich möchte als letzter erscheinen“, sagt er lachend. „Ich möchte nicht, dass die Aufnahme dokumentarisch und leicht verständlich ist. Ich möchte vielmehr, dass sie eine Tiefe besitzt, die fesselt und fasziniert.“

Sören Gunnarsson